andreas kuhn | electronic publishing

urban patterns¶

Posted in fotografie, kunst by andreaskuhn on 07/26/2011
urban patterns #99

urban patterns #99 | © andreas kuhn, 2011

WIR ALLE SIND alltäglich von ihnen umgeben und doch nehmen wir sie bewußt nur selten wahr. visuelle kleinode, meist menschenleer, ein mix aus muster, couleur und material. der zufall spielt eine gewisse rolle. licht läßt erscheinen oder verschluckt, ein veränderter blickwinkel fördert überraschendes zu tage. harmonie wie mißstimmung existieren vollkommen gleichberechtigt und hier und da liegt die würze im detail.

visuelle reize aussendend unter einsatz oftmals »lebhafter« farben und zweifelsfrei gelegentlich beinahe schmerzhafter kontraste, wehren sie sich konsequent gegen kategorisierung – sie wollen weder gefallen, noch eine aussage treffen. sie sind schlicht da: fundstücke auf dem weg, aufgesammelt im vorbeigehen.

wiewohl in der regel unbevölkert, künden sie von menschlichem schaffensdrang. ein mensch hat hier gewirkt, ein architekt, ein mehr oder minder begabter gestalter, ein streetart- oder graffiti-artist? vielleicht hat auch bloß jemand seinen becher auf dem fenstersims »entsorgt« oder die magie des schattigen augenblicks verzaubert just die schnöde realität.

von fans wurde ich bereits gefragt, welches equipment ich verwendet habe. kein professionelles im herkömmlichen sinne jedenfalls, sondern entweder einfache digitale kompaktkameras oder – in mehr als 90% der fälle – mein iphone. daher der untertitel »lo-fi photography«. ungeachtet der offensichtlichen qualitäten ausdrücklich für den profieinsatz konzipierter meisterleistungen der kamerakonstrukteurszunft (mein liebling war eine leica m4-p und ich bin ein erklärter bewunderer von robert capa, andreas feininger oder henri cartier bresson), spielen derlei qualitäten für die »urban patterns« eine höchst untergeordnete rolle.

wenn sie überhaupt ein ziel verfolgen, dann dieses: spaß zu machen, lust am schauen zu provozieren und sich auf den ersten wie den zweiten blick möglichst dabei zu amüsieren. also ziehen sie selbst los und entdecken sie unsere urbanen welten neu. jetzt gleich!

andreas kuhn, juli zweitausendelf

no direction home¶

Posted in musik by andreaskuhn on 05/06/2007

VOM ALTMEISTER des amerikanischen kinos kommt diese nicht nur für eingefleischte dylanologen packende dokumentation: ein filmisches jigsaw puzzle allererster güte, spannend von der ersten bis zur letzten minute.

scorsese’s affinität zur musik ist hinlänglich bekannt durch die realisierung des »last waltz« oder durch seine beiträge zur »the blues«-serie. was im falle zimmermann geboten wird, ist eine fesselnde mischung aus kalter-krieg-geschichtsunterricht gepaart mit soziokultureller bürgerrechtsbewegungs- bis swinging-sixties-dokumentation, aufgereiht an jener perlenkette der metamorphose des pausbäckigen teenagers robert vom woody guthrie transformierenden folkie hin zum hippen bandrocker, dessen wilde mähne mit der heugabel gekämmt zu sein scheint.

kompetente zeitzeugen erster güte kommentieren eloquent den weg heraus aus dem kaff hibbing über greenwich village und ein skandalös elektrisiertes newport – sideman mike bloomfield malträtiert die telecaster, als ob er klapperschlangen häuten will – bis hin auf die bühne der ehrwürdigen royal albert hall. sehenswert überdies ob der zahlreich perfekt eingestreuten rotzfrechen interviews und beißend-herablassenden kommentare des sich stetig neu erfindenden »song and dance man«.

scorsese läßt no direction home geschickt mit der legendären 66er tournee beziehungsweise mit bob’s dramatischem motorradunfall wenig später enden und der betrachter eilt hochadrenalisiert zum macbook, umgehend den passenden soundtrack »the bootleg series vol. 4/bob dylan live 1966« ordernd.

gesichter der geschichte – fotografien von robert capa¶

Posted in fotografie by andreaskuhn on 08/12/2006

BONVIVANT, frauenheld wie obsessiver spieler, spendabel und chronisch pleite, rastlos, dandyhaft – kaum ein attribut, mit dem robert capa, als andré friedmann am 22. oktober 1913 in ungarn geboren, nicht von der presse oder seitens biographen bedacht wurde.

als ungar jüdischer abstammung mit siebzehn nach berlin und später paris geflohen, katapultierte in 1936 sein ebenso legendäres wie umstrittenes porträt des tödlich getroffenen freiheitskämpfers in den olymp der pressefotografie.

bereits zwei jahre später rief ihn, der wie kein zweiter dem leid der zivilbevölkerung angesichts der schrecken des krieges ausdruck verliehen hat, die internationale presse als den »bedeutendsten kriegsreporter« aus.

im arbejdermuseet – rømersgade 22, 1362 københavn k. – ist in der zeit vom 15. september bis zum 30. dezember 2006 unter vielen weiteren fotografien auch sein wohl berühmtestes bild aus dem spanischen bürgerkrieg in der ausstellung gesichter der geschichte zu sehen.

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frida kahlo im bucerius kunst forum¶

Posted in kunst by andreaskuhn on 07/31/2006

15. juni bis 17. september 2006 – ausstellung im bucerius kunst forum, hamburg

ANDRÉ BRETON, der sie partout als surrealistin etikettieren wollte, beschrieb ihre kunst als »ein farbiges band um eine bombe«. madonna beteuerte »frida ist die große inspiration für mein leben«. zu lebzeiten kannte frida kahlo wassily kandinsky, marcel duchamp und pablo picasso. »weder derain, noch du, noch ich, sind in der lage, einen kopf so zu malen, wie frida kahlo!« gesteht picasso in einem brief an diego rivera. dieser wiederum wirbt anläßlich einer geplanten ausstellung für seine frau: »ich empfehle ihnen diese künstlerin, nicht als ehemann, sondern als begeisterter bewunderer ihres werks, ätzend und zärtlich, hart wie stahl und zart und fein wie der flügel eines schmetterlings, bewundernswert wie ein schönes lächeln und tiefgründig und grausam wie die bitternis des lebens.«

nicht erst seit der äußerst erfolgreichen verfillmung ihres lebens und wirkens durch regisseurin julie taymor (hauptrolle salma hayek in einer schlicht leidenschaftlichen verkörperung) ist das interesse an frida kahlo als kunst-ikone erneut heftig aufgeflammt. im jahr 2006 noch immer »fridomania« post mortem allerorten. frida kahlo ist malerin und mythos. als mexikanische kultfigur mit unvorhergesehener popularität liefert sie lange schon und schier unablässig stoff für bücher, theaterstücke und filme, ist idolisiertes objekt für merchandising. frida auf handtaschen, postkarten, frida als poster, kalender und schlüsselanhänger. leben wir werk der wohl mit abstand bekanntesten malerin ganz lateinamerikas sind von kraftvoll exotischer, schillernd bunter und mythisch umrankter anmutung.

als bekennende marxistin gab die charismatische rebellin, obwohl geboren am 6. juli 1907, zeitlebens ihr geburtsjahr mit 1910 an, dem jahr der mexikanischen revolution. sie verehrte stalin und hatte als »emanzipierte« frau, gebeutelt durch die untreue ihres mannes diego, affären mit prominenten männern wie leo trotzki oder nickolas murray und auch frauen wie der sängerin chavela vargas (»la llorona«). nickolas murray verdanken wir (ebenfalls in der hamburger ausstellung in fantastischer qualität präsentiert) – neben lola und manuel alvarez bravo, imogen cunningham, fritz henle oder gisele freund – einige der schönsten fotografischen zeitdokumente: prachtvolles, pathetisches und detailbesessenes in-szene-setzen; regelrechte performance-fotografie: stets ernst blickende, auf den betrachter gerichtete augen, »gekrönt von dichten brauen, die sich vereinten wie vogelschwingen«, wie raquel tibol attestiert.

fast zwangsläufig versetzt der kontakt mit den originalbildern den betrachter in eine art verzückungszustand. hierzulande wartete man allerdings eine »halbe ewigkeiet« vergeblich, ihre gemälde einmal »leibhaftig« in augenschein nehmen zu dürfen. dem bucerius kunst forum ist nun – bereits ein jahr vor dem 100. geburtstag der wichtigsten vertreterin mexikanischer kunst – das kunststück gelungen, die größte private kollektion von werken frida kahlos aus dem museo dolores olmedo patino (xochimilco, mexiko) einer deutschen öffentlichkeit zugänglich zu machen.

die in hamburg ausgestellten gemälde beleuchten die zentralen themen des lebens und der kunst frida kahlos: schmerz, verlust, unglück und leiden. von einer kinderlähmung im alter von wohl sechs jahren behält frida eine behinderung des rechten beins und eben achtzehnjährig erleidet sie jenen fatalen busunfall. diesen überlebt sie zwar schwerstverletzt, er markiert aber den anfangspunkt lebenslanger qualen wie zahlloser operationen. in dere auswirkungen schließlich, bereits fast ihr halbes leben an rollstuhl oder krankenbett gefesselt, stirbt sie mit gerade 47 in ihrem geburtshaus (»casa azul« aka »blaues haus«, heute frida-pilgern aus aller welt zugänglich als frida kahlo museum). »pies para qué los quiero si tengo als pa volar«/»wozu brauche ich füße, wenn ich flügel habe zum fliegen« hatte sie ein jahr zuvor ihrem tagebuch anvertraut.

ergänzt durch leihgaben aus gesamtamerikanischen sammlungen ist die liebevoll inszenierte ausstellung ein absolutes muß für alle kahlo-fans.

beat generation – gemeinschaft auf der suche nach der gegenwelt zum »american way of life«¶

Posted in literatur by andreaskuhn on 07/25/2006

jack kerouacIM US-BUNDESSTAAT massachusetts präsentieren der lowell national historical park und seine partner vom 7. juni bis 16. september 2007 eine ausstellung im boott cotton mills museum, in der unter anderem das sagenumwobene original-rollen-manuskript von on the road gezeigt wird.

nach der veröffentlichtung des ersten kerouac-buches the town and the city dauerte es ganze sieben jahre voller streit und schwierigkeiten, bis 1957 sein on the road endlich bei viking press in new york erschien. trotz der orthodoxen art, mit welcher der verlag das buch redigiert und somit die leser weitgehend gegen kerouacs stilistische neuerungen abgeschirmt hatte, wurde road – der »film in worten« – zum vielbeachteten durchbruch für den damals 35jährigen autor.

mit staatsangehörigkeit »franko-amerikanisch« wurde john l. (»ti jean«) kerouac am 12. märz 1922 in lowell (massachusetts), einer soliden fabrikstadt in new england, geboren. er war der zweite sohn des druckers emil kerouac und seiner frau gabrielle (geborene l’evesque). nach dem tode des vaters entwickelt jack eine starke, jungenhaft-schwärmerische bindung zu seiner mutter, die geduldigen lesern nur zu gut in erinnerung bleiben wird.

mit siebzehn jahren wechselt er von der high school in seinem geburtsort lowell zur etwas extravaganten horace mann school for boys in new york city. 1940 erhielt er das stipendium fürs columbia college. nach knapp zwei jahren brach mit dem angriff der japaner auf pearl harbor auch für die usa der krieg aus, sodaß kerouac die universität nicht beendete. er ging zunächst zur handelsmarine, wurde 1943 für kurze zeit rekrut, bis er als »schizoide persönlichkeit« entlassen wurde, um den rest des krieges wieder als handelsmatrose auf dem nordatlantik zu verbringen.

obwohl jack also keine akademischen grade erreichte, lernte er während seiner studenten-zeit zwei seiner wichtigsten freunde und späteren weggenossen kennen: allen ginsberg und william s. burroughs. von beiden kann man ohne übertreibung behaupten, daß sie zu den literarisch produktivsten und bedeutendsten vertretern der beat-generation zählen und einen nicht zu unterschätzenden stellenwert in der amerikanischen literatur der 50er bis 70er jahre aufweisen. noch 1990 tauchen sie mit ihren kreativen projekten regelmäßig im rauschenden blätterwalt der bunten gazetten auf.

in den jahren ab 1941 übte jack keroauc – wie er selbst angibt – »alles mögliche« aus, im einzelnen jobs als tankwart, bremser bei der eisenbahn, eisverkäufer, bahnhofsarbeiter, gepäckträger, baumwollpflücker, möbelpackergehilfe, blechverarbeitungslehrling beim bau des pentagon (1942), bauarbeiter und brandwache im forstdienst. alles stationen einer reise durch den kontinent amerika, die seinem späteren literarischen werk als loses gerüst dienen sollten – abgesehen von jenem unendlich gewaltigeren gefühls-kontinent, den kerouac mit vorher nicht dagewesener spontanität und unmittelbarkeit einer ureigenen sprache vor unserem inneren auge ausbreitet.

1950 erscheint sein erster roman the town and the city, 1955 stipendium der national academy of arts and letters. nach erscheinen des rasch zum kultbuch avancierenden on the road im jahre 1957 hat jack kerouac – wie es allen ginsberg in der einleitung zu howl formuliert – »intelligenz in elf bücher hineingesprudelt, die in halb so vielen jahren geschrieben wurden«. Die beiden ersten erschienen, sicher nicht ohne druck seitens der verleger, die den schnellen dollar eines nachfolge-geschäfts witterten, bereits im darauffolgenden jahr.

nach siebenjährigem kampf um die durchsetzung seines lange verschmähten individuellen stils nahm kerouac frustriert und angwidert zur kenntnis, daß seitdem sich ein kommerzieller erfolg eingestellt hatte, er von der verleger- und kritiker-schickeria in den höchsten tönen gelobt wurde, gern gesehener gast in talk-shows war und das image, das um ihn herum gezimmert wurde, mit seinem eigentlichen wesen nicht mehr allzu viel gemein hatte.

zwei jahre vor seinem tod am 21. oktober 1969 in st. petersburg/florida veröffentlicht der innerlich längst emigrierte vielschreiber die vanity of duluoz, einen romanhaften report über »eine abenteuerliche erziehung«, durchtränkt mit der pessimistischen tinte eines 45jährigen, der zeit seines lebens durch amerika und neue länder umhergeschwirrt war, um »alles kennenzulernen«. was – um seymour krim zu zittieren – »die unfallsicheren eskapaden, denen sich die mehrheit der jungen amerikanischen literaten damals hingab, lächerlich erscheinen ließ«.

die rede ist von einer »generation«. mit reizüberfluteter selbstverständlichkeit schlucken wir einen solchen begriff. unsere zeit ist unzweifelhaft geprägt von trendy slogans, von wohlklingenden schlagworten, die zumeist eher auf unseren griff in den geldbeutel abzielen, als daß sie uns einen inhaltlichen sinn vermitteln wollen. das man eine wortschöpfung wie »beat-generation« zunächst relativieren muß, verdeutlicht walter höllerer bereits 1961, also gerade vier jahre nach dem erscheinen von on the road. mit nachdruck unterstreicht er in seiner damaligen betrachtung aktueller tendenzen in der amerikanischen literatur, daß sich die »jungen amerikaner« zu recht gegen die allgegenwärtige etikettierung, das abstempeln unter einem schlagwort wenden. sie seien alles andere als uniformiert. und was sie zusammenhalte, sei nicht nur ein äußerer anlaß, nämlich der »protest gegen etwas«; vielmehr beruhe ihr »spontanes zusammengehörigkeitsgefühl« auf gemeinsamen erfahrungen und entdeckungen und auf der unmittelbarkeit ihrer kunst.
was (damals wie heute) als »generation« heraufbeschworen werde, sei genau genommen eine »schar verschiedenster junger, eigenwilliger leute, über den ganzen kontinent und zum teil auch europa verstreut, die einander kennen, einander unterstützen … deren stimme vertrauenswürdiger geworden ist, nachdem sie sich aus den zwangsvorstellungen einer eingerichteten sprache, einer vorgeschriebenen denkweise und einer vorgezeichneten laufbahn zu lösen versuchten und sich zu einer unverstellten sicht verschworen haben«.


auf einen perfekten gemeinsamen nenner bringt es der protagonist in on the road, die eigentliche schlüsselfigur des amerikanischen beat und personifizierte legende: neal cassady. nach dem zusammentreffen mit jack kerouac 1948 in new york gibt er dessen literarischem schaffen die entscheidende prägung. kerouac wiederum meißelt ihm als hauptfigur – dean moriarty – seines bekanntesten buches ein unvergessenes denkmal.
cassady, 1926 in denver/colorado geboren, verbringt nach der trennung seiner eltern die ersten jahre unter »obhut« des vaters in einer pennerherberge seines geburtsortes. zum ersten mal 14jährig und erneut ein jahr später gerät er in polizeihaft, nachdem er einen autodiebstahl verübt hat.

sein vor lebensungestüm berstendes, vor anstrengung und sehnsucht keuchendes dasein verbrachte cassady »sich den teufel um die eigene existenz« und den »plunder überkommener habseligkeiten« scherend, liebend, leidend, schwitzend und »being on the road«. sein leben im rausch, in ekstase, in einer uneingeschränkten freiheit – von der viele allenfalls träumten und die so manche seiner zeitgenossen nur »darzustellen« versuchten – endete mit 42 jahren im drogenrausch auf den gleisen einer bahnstrecke.

»das buch in drehbuchform ist der film in worten« proklamierte kerouac. keinen geeigneteren hauptdarsteller für »road« hätte er sich wünschen können als eben jenen neal cassady, einen »abgefahrenen« typen jenseits von gut und böse. alles an ihm war übersprühendes leben. und das ist der punkt, um den es in kerouacs werk geht: um unmittelbare aktion und sprache. das motto seiner erzählweise will sein: »rede jetzt oder schweig für immer«. als vollgasfahrer der amerikanischen prosa schuf er mit worten eine »rasante wiedergabe totalen erlebens voller handlung, farbe, milieu, rhythmus und klang« – und alles so organisch verpackt, daß nachahmung praktisch unmöglich ist. ein generalangriff gegen die korsettierte literatur einer zeit voller angestaubter tabus und eingleisigen denkens.

»etwas, was du fühlst, wird die ihm eigenen form finden.«
— jack kerouac, evergreen review, ny, 1959

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